camt.110 ISO 20022 Nachricht
Veröffentlicht am
13.06.2025
Aktualisiert am
07.09.2026
Lesezeit
4 min
Die camt.110 ist die ISO-20022-Nachricht InvestigationRequest. Mit ihr stellt ein Institut eine strukturierte Nachforschungsanfrage zu einer bereits ausgeführten oder gescheiterten Zahlung. Sie ersetzt zusammen mit ihrer Antwortnachricht camt.111 InvestigationResponse die bisher übliche Freitextkommunikation über MT-Nachrichten und ist der Kern der von SWIFT vorangetriebenen Modernisierung von Exceptions & Investigations (E&I).
Definition
camt.110 gehört zur Nachrichtenfamilie ISO 20022 Cash Management (camt) und stammt aus dem Message Set Exceptions and Investigations Modernisation, das von der PaySEG E&I Work Group eingereicht wurde. Die im ISO-20022-Katalog geführte aktuelle Fassung ist camt.110.001.02 (InvestigationRequestV02, zuletzt aktualisiert im März 2026).
Fachlich beantwortet die Nachricht die Frage „Was ist mit dieser Zahlung passiert?“ beziehungsweise „Bitte liefern Sie zusätzliche Angaben zu dieser Zahlung.“ Sie ist damit weder eine Statusrückmeldung noch ein Rückruf, sondern eine eigenständige Untersuchungsanfrage innerhalb eines Falls (Case).
Abgrenzung zu benachbarten Nachrichten
- Status einer Zahlung – dafür sind pacs.002 und pain.002 vorgesehen, nicht camt.110.
- Rückruf und Stornierung – dafür dienen camt.056 (Cancellation Request) und camt.029 (Resolution of Investigation).
- Nachforschung und Fallbearbeitung – dafür camt.110 und camt.111. Die klassischen Nachforschungsnachrichten camt.027 (Claim Non Receipt) und camt.087 (Request To Modify Payment) bleiben davon unberührt und werden weiterhin im SEPA-Umfeld eingesetzt.
Eine häufige Verwechslung in der Praxis betrifft die Antwortnachrichten: camt.029 beantwortet einen Rückruf, camt.111 beantwortet eine Nachforschung.
Aufbau der Nachricht
camt.110 ist bewusst hochstrukturiert aufgebaut. Die wesentlichen Bausteine sind:
- MsgId – technische Nachrichtenreferenz.
- RqstrInvstgtnId / RspndrInvstgtnId – Untersuchungsreferenzen des anfragenden und des antwortenden Instituts. Über sie werden alle Nachrichten eines Falls zusammengehalten.
- InvstgtnTp / InvstgtnSubTp – Art und Unterart der Untersuchung als Codes statt als Freitext.
- Undrlyg – die zugrunde liegende Zahlung, wahlweise als Initiation (Kundenauftrag) oder als Interbank-Transaktion, etwa eine pacs.008.
- Rqstr / Rspndr – anfragende und antwortende Partei, in der Regel als Agent (Finanzinstitut) identifiziert.
- InvestigationReason mit Rsn, RsnSubTp und AddtlReqData – Grund der Anfrage sowie ein eng umgrenztes Feld für ergänzende Angaben.
Die Klammer über den gesamten Vorgang bildet die UETR: Sie verbindet die ursprüngliche Zahlung, deren Statusmeldungen und sämtliche Untersuchungsnachrichten zu einer nachvollziehbaren Kette. Genau dieser Punkt unterscheidet camt.110 von der bisherigen Praxis, in der Nachforschungen als unstrukturierter Text in MT-Nachrichten transportiert wurden und manuell zugeordnet werden mussten.
Typische Untersuchungsarten
- Sanktions- und Compliance-Rückfragen
- Geldwäscheprävention (AML)
- Betrugsverdacht und Financial Crime Compliance
- Rückfragen zu Vorgaben des Zahlungsverkehrsrechts
- Sonstige Fälle wie Entgelte, Valutierung oder Lastschriftberechtigung
Nachrichtendialog
Die Migration auf camt.110 und camt.111 ist bei SWIFT ausschließlich über den Dienst Case Management vorgesehen. Dieser besteht aus zwei Bausteinen: dem Case Orchestrator für Exceptions & Investigations und dem Stop and Recall-Prozess für Zahlungsstornierungen. Der Case Orchestrator stellt die Anfrage dem jeweils zuständigen Institut zu, statt sie wie bisher entlang der Zahlungskette von Bank zu Bank weiterzureichen.
Der Dialog ist iterativ: Zu einer Zahlung können mehrere camt.110 gesendet werden, um verschiedene Fragen zu stellen oder nachzufassen. Ebenso kann das antwortende Institut mehrere camt.111 senden – etwa zunächst eine Eingangsbestätigung und später die abschließende Antwort.
Verwendung
SWIFT CBPR+ und Case Management
Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr hat SWIFT camt.110 deutlich aufgewertet: Die Nachricht ist vom optionalen Baustein zur Pflichtnachricht geworden. Maßgeblich sind zwei Stufen der CBPR+ Roadmap:
- November 2026 (SR 2026): Alle Institute müssen camt.110 über Case Management empfangen können. Wer noch nicht auf ISO 20022 umgestellt hat, wird durch die In-flow Translation unterstützt: Die camt.110 wird in eine MT 199 mit eingebetteter Nachricht übersetzt. Diese Übersetzung ist entgeltfrei und kann abgeschaltet werden, damit die Untersuchung bilateral fortgeführt werden kann.
- November 2027 (SR 2027): camt.110 und camt.111 müssen über Case Management gesendet und empfangen werden. Die In-flow Translation endet. Die MT-Nachrichten der Kategorien n95 und n96 werden aus dem Netz genommen, die freiformatige MT n99 wird für E&I-Zwecke eingestellt.
In der Mapping-Logik tritt camt.110 an die Stelle der bisherigen MT 195 (Queries) und camt.111 an die Stelle der MT 196 (Answers); siehe dazu auch MT1xx und MT2xx. Der Transport erfolgt über FIN und FINplus.
Wichtig für die Planung: SWIFT hat die ursprünglich für November 2026 vorgesehene Verpflichtung zur Abwicklung von Zahlungsstornierungen über den Stop-and-Recall-Prozess nach Marktrückmeldungen um ein Jahr auf November 2027 verschoben. Die Empfangspflicht für camt.110 zum November 2026 bleibt davon unberührt.
Fedwire Funds Service
Auch außerhalb von SWIFT CBPR+ hat sich camt.110 etabliert: Im ISO-20022-Format des Fedwire Funds Service ersetzen camt.110 und camt.111 die meisten Anwendungsfälle der bisherigen Service-Nachricht SVC 1090. Auch dort sind mehrere Anfragen und mehrere Antworten je Zahlung ausdrücklich vorgesehen.
SEPA und Instant Payments
camt.110 ist kein Bestandteil der Rulebooks des European Payments Council. Weder im SCT– noch im SCT-Inst-Verfahren wird die Nachricht verwendet. Nachforschungen und Fehlerfälle im SEPA-Raum laufen weiterhin über camt.027, camt.087, camt.029 sowie die R-Transaktionen mit den zugehörigen SEPA Reason Codes. Auch im Nachrichtenkatalog von TARGET – T2 ist camt.110 nicht vorgesehen.
Bedeutung für Banken und Zahlungsdienstleister
Die Umstellung betrifft alle Institute, die Zahlungsreklamationen bearbeiten – nicht nur Teilnehmer von SWIFT gpi. Aus der Empfangspflicht ab November 2026 ergeben sich drei praktische Aufgaben:
- Anbindung an Case Management. Ohne Case Orchestrator ist eine Migration auf camt.110 und camt.111 nicht vorgesehen.
- Verarbeitung statt Anzeige. Die In-flow Translation liefert eine technisch gültige MT 199, doch der Inhalt einer hochstrukturierten camt.110 lässt sich im Freiformat nur eingeschränkt sinnvoll darstellen. Wer die Nachricht nur übersetzt anzeigt, verliert genau den Automatisierungsgewinn, der die Reform trägt.
- Anschluss an das Backoffice. Untersuchungsreferenzen, Untersuchungsarten und Gründe sollten in die bestehende Fall- und Reklamationsbearbeitung übernommen werden, damit Fälle über ihre gesamte Laufzeit maschinell verfolgbar bleiben.
Da die Frist im November 2027 auch das Ende der Koexistenz für E&I-Nachrichten markiert, sollte die Umsetzung gemeinsam mit den übrigen Arbeiten an der ISO-20022-Migration geplant werden.
Quellen für Spezifikationen
- ISO 20022 – Message Definitions (camt.110.001.02, InvestigationRequestV02)
- Swift – ISO 20022: Exceptions and Investigations (FAQ)
- Swift – ISO 20022 in bytes: The journey continues
- Swift – CBPR+ roadmap beyond November 2025 (PDF)
- Federal Reserve Financial Services – ISO 20022 Format FAQ (Fedwire Funds Service)