EV-TLS (Extended Validation TLS)
Veröffentlicht am
31.08.2026
Aktualisiert am
31.08.2026
Lesezeit
4 min
Definition
EV-TLS (Extended Validation TLS) bezeichnet ein TLS-Serverzertifikat, das nach der strengsten Prüfstufe des CA/Browser Forum ausgestellt wurde. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Zertifikat liegt nicht in der Kryptografie (die ist dieselbe), sondern in der Prüfung, die der Ausstellung vorausgeht.
Ein EV-Zertifikat bescheinigt, dass die dahinterstehende Organisation als juristische Person tatsächlich existiert, unter der angegebenen Firma registriert ist und die Domain kontrolliert. Die dafür einzuhaltenden Schritte sind in den EV Guidelines des CA/Browser Forum festgelegt.
Die drei Prüfstufen
| Stufe | Was geprüft wird | Aussagekraft |
|---|---|---|
| DV – Domain Validation | nur die Kontrolle über die Domain | „jemand verfügt über diese Domain“ |
| OV – Organisation Validation | zusätzlich die Organisation | „eine Organisation dieses Namens existiert“ |
| EV – Extended Validation | rechtliche Existenz, Firma, Sitzstaat, Registernummer (nach dokumentiertem Verfahren) | „diese konkrete juristische Person betreibt diesen Server“ |
Der Sprung von OV zu EV liegt in der Nachvollziehbarkeit: Das Verfahren ist normiert, die geprüften Angaben stehen strukturiert im Zertifikat, und die Zertifizierungsstelle haftet für ihre Einhaltung.
Was im Zertifikat steht
Ein EV-Zertifikat trägt im Subject-Feld über den Domainnamen hinaus die geprüften Identitätsmerkmale (u.a. den eingetragenen Firmennamen, die Rechtsform, den Sitzstaat und die Registernummer der Organisation). Hinzu kommt eine Policy-OID, die die Einhaltung der EV Guidelines kennzeichnet.
Entscheidend für die maschinelle Verarbeitung: Diese Angaben sind strukturierte Felder, nicht Freitext. Eine Gegenstelle kann sie auslesen und gegen eine Erwartung prüfen.
Für den Endanwender ist EV unsichtbar geworden, da die meisten Browser seit 2019 kein entsprechendes Symbol („grüner Balken“) mehr einblenden. Für die maschinelle Kommunikation ändert dies nichts.
EV-TLS bei Verification of Payee (VoP)
Das EPC API Security Framework (EPC164-22) regelt die Absicherung der Schnittstellen zwischen Zahlungsdienstleistern in den Schemes des EPC. z.B. Verification of Payee und SEPA Request-to-Pay.
Für VoP gilt eine asymmetrische Zuordnung, die man kennen muss:
| Seite | Rolle | Zertifikat |
|---|---|---|
| Client | VoP Requesting PSP bzw. Routing and Verification Mechanism | QWAC PSD2 |
| Server | VoP Responding PSP | EV-TLS |
Das Framework (Stand 2026) formuliert es für die Serverseite ausdrücklich: „The API server does not need a QWAC, it can use a standard website certificate. To ensure a sufficient high level of authentication, an EV TLS certificate is required.“
Beide Seiten authentisieren sich gegenseitig – das Framework verlangt mutual TLS: „When calling another scheme Participant’s API’s endpoint, the Participants MUST perform mutual authentication.“
Der anfragende Zahlungsdienstleister muss nicht nur seine Identität nachweisen, sondern auch seine aufsichtsrechtliche Rolle, denn er fragt fremde Kontodaten ab. Dafür trägt das QWAC die Attribute aus dem PSD2-Umfeld. Der antwortende Zahlungsdienstleister muss lediglich zweifelsfrei belegen, dass er derjenige ist, für den er sich ausgibt. Dafür genügt EV-TLS.
Abgrenzung zum QWAC
Beide Zertifikatstypen beweisen die Identität einer Organisation. Der Unterschied liegt darin, wer dafür einsteht und unter welchem Regime.
| EV-TLS | QWAC | |
|---|---|---|
| Grundlage | EV Guidelines des CA/Browser Forum | eIDAS-Verordnung (EU) Nr. 910/2014 |
| Charakter | Industriestandard | EU-Recht |
| Aussteller | öffentliche Zertifizierungsstelle im Root-Programm | QTSP auf der EU-Vertrauensliste |
| Vertrauensanker | Root-Stores von Browsern und Betriebssystemen | EU Trusted Lists (EUTL) |
| Geprüft | rechtliche Identität der Organisation | rechtliche Identität, qualifiziert nach eIDAS |
| Zusätzlich | – | PSD2-Rollen (PSP_AS, PSP_PI, PSP_AI, PSP_IC) und Kennung der zuständigen Aufsichtsbehörde |
| Bei VoP | Serverseite | Clientseite |
Ein QWAC ist technisch ebenfalls ein Website-Zertifikat. Der Unterschied ist nicht die Technik, sondern die Vertrauenskette: Beim EV-TLS bürgt eine kommerzielle Zertifizierungsstelle nach den Regeln eines Industriegremiums, beim QWAC ein qualifizierter Vertrauensdiensteanbieter nach europäischem Recht.
Weitere Zertifikatstypen im Zahlungsverkehr behandelt der Eintrag zu Zertifikaten.
Übersicht zum Ablauf bei VoP
Zwei offene Baustellen
Welcher Zertifizierungsstelle wird vertraut? Anders als beim QWAC gibt es für EV-TLS keine amtliche Liste. Das EPC stellt in seinen FAQ klar: „The ASF does not specify which CAs can issue EV TLS certificates for VOP“ und „No single public source is available listing the root certificates of CAs issuing EV-TLS certificate.“
Praktisch bedeutet das: Jeder Teilnehmer muss die Wurzelzertifikate der relevanten Zertifizierungsstellen selbst in seinen Trust Store aufnehmen. Das EPC empfiehlt, serverseitig auf in der europäischen Finanzbranche gängige Zertifizierungsstellen zu setzen, clientseitig deren Wurzeln vorzuhalten und im TLS-Handshake stets die vollständige Zertifikatskette auszuliefern. Die Pflege des Trust Store wird damit zu einer betrieblichen Daueraufgabe – und zu einer stillen Fehlerquelle, wenn sie unterbleibt.
Die Client-Authentication verschwindet aus öffentlichen Zertifikaten. Googles Root-Programm schreibt vor, dass öffentliche TLS-Serverzertifikate ab dem 15. Juni 2026 die Erweiterung für Client-Authentication (id-kp-clientAuth) nicht mehr enthalten dürfen. Große Zertifizierungsstellen stellen deshalb schrittweise um (teilweise auch bei QWAC).
Das EPC weist darauf hin, dass VoP-Schnittstellen keine Browser-Unterstützung benötigen und QWAC-PSD2-Zertifikate ohnehin nicht für Browser gedacht sind. Die Konsequenz für die Institute ist trotzdem konkret: Sie müssen sicherstellen, dass ihr QTSP weiterhin QWAC-PSD2-Zertifikate mit dem Wert id-kp-clientAuth ausstellt, sonst scheitert die gegenseitige Authentisierung.
Quellen
- CA/Browser Forum – Extended Validation Guidelines
- CA/Browser Forum – Ballot SC-081v3: Reducing Validity and Data Reuse Periods
- EPC – API Security Framework (EPC164-22, PDF)
- EPC – VOP Inter-PSP API Specifications (EPC103-24, PDF)
- EPC – FAQ: Wie lässt sich die Gültigkeit des EV-TLS-Zertifikats prüfen?
- EPC – FAQ: Wegfall der Client-Authentication in öffentlichen TLS-Zertifikaten
- eIDAS-Verordnung (EU) Nr. 910/2014